(5236) Staatsratsvorsitzende küsst man nicht
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Die DISTEL war nie ein Mauerblümchen. Anlässlich des Mauerfall-Jubiläums und 20 Jahre Deutsche Einheit am 3. Oktober 2010 stellt sie nun in einem neuen Programm die letzten zwei Jahrzehnte dreist auf den Kopf. In "Staatsratsvorsitzende küsst man nicht" ist die DDR nicht der Bundesrepublik, sondern die Bundesrepublik der DDR beigetreten. Ein ungewöhnlicher – nämlich seitenverkehrt gespiegelter - Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte. Die Vorbereitungen für den 60. Jahrestag der DDR-Gründung laufen auf Hochtouren. Für die Parade soll eine überwältigend jubelnde Zuschauermasse mobilisiert und reichlich mit "Winkeelementen" ausgestattet werden. Das Jubeln muss vorher eingeübt werden, denn ein Teil der Claqueure kommt nun aus den elf neuen DDR-Bezirken im Westen Deutschlands. Drei Genossen leiten das Training: ein standfester Funktionär, eine schon reichlich frustrierte Wessi-Genossin und ein klassischer DDR-Lebenskünstler. Der Westen ist in die gesamtdeutsche DDR längst noch nicht hinreichend integriert. Viele Wessis stellen sich ungeschickt an, weil sie die planwirtschaftliche Vorgehensweise nicht verstehen. Ostdeutsche Aufbauhelfer gehen in die neuen Westbezirke, um die dortigen Lebensverhältnisse an die des Ostens anzupassen. Allerhand konnte schon erreicht werden: FKK gibt es nun auch auf Sylt. Der Kölner Dom wurde abgerissen und in Plattenbauweise neu errichtet. Wuppertal heißt jetzt Friedrich-Engels-Stadt. Die Wahlbeteiligung liegt bei 115,7 Prozent. Dynamo München wird Oberliga-Meister. Und die inzwischen bärtigen Sportlerinnen feiern riesige Erfolge. Während die Drei also den Wessis ihren Individualismus austreiben und Sprechchöre eindrillen, fragen sie sich hin und wieder, wie es denn aussähe, wenn es vielleicht umgekehrt gekommen wäre – wenn also damals der Westen "gewonnen" hätte.