UNABHÄNGIGKEIT
KlangForum Heidelberg
UNABHÄNGIGKEIT
KlangForum Heidelberg
Ekkehard Windrich Musikalische Leitung
C.P.E. Bach »Zwei Litaneien«
Joanne Metcalf (UA)
Charles Ives Lieder
Arnold Schönberg »My Horses Ain’t Hungry« (europ. Erstaufführung)
Stefan Litwin »Kakerlaken« (UA)
Im KlangForum Heidelberg treffen sich Gestaltungsfreude und Virtuosität der Sängerinnen und Sänger der SCHOLA HEIDELBERG und der Instrumentalistinnen und Instrumentalisten des ensemble aisthesis unter einem Dach. Die beiden Ensembles für zeitgenössische und Alte Musik begeistern das Publikum deutschlandweit, bei internationalen Festivals und als gefragte Gäste renommierter Konzertveranstalter. Mit der Konzeption eigener Konzertformate setzt das KlangForum Heidelberg neue, weitreichende Impulse im Verhältnis zwischen Musik und Gesellschaft.
Der 250. Jahrestag der »Unanimous Declaration of the Thirteen United States of America« (Amerikanische Unabhängigkeitserklärung) steht bevor, und wie die mächtigste Nation der Erde zu diesem Zeitpunkt aussehen wird, liegt für uns im Dunklen.
Umso mehr lohnt ein Blick darauf, wie die USA zum Fluchtpunkt der europäischen Aufklärung werden konnten. Denn auch wenn Fragen von Geld und Macht selbstverständlich eine prominente Rolle für die Loslösung vom englischen Königreich gespielt haben, möchte die Unabhängigkeitserklärung vor allem das aufgeklärte Individuum im öffentlichen Raum und im politischen Entscheidungsgefüge verankern.
Solche Entfaltungsbestrebungen des Individuums sind typisch für das Europa des 18. Jahrhunderts und spiegeln sich auch im veränderten Verhältnis zur Religion wider. Carl Philipp Emanuel Bach wendet sich im Vorwort seiner »Zwei Litaneien« (1786) gegen das zur Routine gewordene »Geplapper« religiöser Formeln und möchte durch für diese Zeit moderne Harmonik zu Erkenntnisgewinn beitragen.
Angesichts der eigenen Religionsgeschichte tut Europa gut daran, nicht arrogant über die US-amerikanische Ausprägung des Christentums hinwegzugehen, aller evangelikalen Auswüchse zum Trotz. Religion und ihre freie Ausübung gehören zum Kern der amerikanischen Demokratie und finden ihren bewussten Niederschlag nicht zuletzt in den jüngeren Werken Joanne Metcalfs (Uraufführung).
Charles Ives ist zwar kein Unbekannter mehr, seine Bedeutung für die amerikanische Musikgeschichte und der künstlerische Reichtum seines Werkes werden jedoch immer noch unterschätzt. Im europäischen Musikbegriff verwurzelt, beschritt Ives in der Folge eigenständig neue Wege: Neben seiner polytonalen Harmonik entwickelte er außerdem kompositorische Zufallsverfahren, mit denen er sich vom alten Kontinent ablöste. Das eindrucksvolle Liedschaffen Ives‘ zeigt beides: die intime Kenntnis des europäischen Erbes und die selbstbewusste kulturelle Eigenständigkeit der USA.
Es ist eine spannende und spekulative Frage, wie sich die klassische Musikszene der USA nach Ives entwickelt hätte ohne den erzwungenen Zustrom der klügsten Köpfe nach 1933 – in diesem Zusammenhang erhält die Formulierung »Fluchtpunkt der europäischen Aufklärung« eine ganz neue Dimension. Der Einfluss Arnold Schönbergs, dessen Traditionalbearbeitung »My Horses Ain’t Hungry« (europäische Erstaufführung!) hier auf die Bühne kommt, ist auch in den USA bis heute zu spüren. Profitiert hat davon auch die in Berlin geborene und rechtzeitig emigrierte Komponistin Ursula Mamlok, die in ihrem Sextett eine außergewöhnlich intensive Tonsprache und gestische Fantasie entfaltet.
Stefan Litwin gibt in »Kakerlaken« (Uraufführung) einen bissigen, grimmig-optimistischen Ausblick auf die Zukunft. Der Text Uwe Johnsons über die heimlichen Herrscher New Yorks und ihre berüchtigte Überlebensfähigkeit wirkt wie eine ironische Metapher auf die Unverwüstlichkeit der amerikanischen Demokratie. Man wird doch wohl noch hoffen dürfen.
Dieses Konzert ist barrierefrei, bitte melden Sie sich wegen der genauen Plätze an tickets@musikfestspiele-saar.de!
